Die Angst vorm Erbrechen: Emetophobie überwinden ist möglich
15. März 2025Emetophobie – was ist das?
Definition
Emetophobie ist die Angst vor dem Erbrechen.
Sie ist definiert als eine spezifische Angststörung. Das bedeutet, dass Betroffene eine übermäßige und unvernünftige Angst vor dem Gegenstand ihrer Phobie haben – in diesem Fall, dem Erbrechen.
Das Wort leitet sich aus den griechischen Begriffen für Erbrechen (emeto, „Εμετό“) und Angst (phobos, „ϕόβος“) ab.
Verschiedene Arten der Emetophobie
Betroffene haben entweder Angst vor
- dem eigenen Erbrechen
- dem Erbrechen anderer
- vor beidem (am häufigsten)
Es ist relativ unklar, wie viele Menschen tatsächlich an dieser Phobie leiden, da viele Betroffene sich aus Scham nicht anvertrauen oder sich dem Ausmaß ihrer Angst selbst nicht bewusst sind. Nach einer Schätzung der EmetAction (eine Organisation, die international Bewusstsein für die Angststörung schaffen will) ist eine von 200 Personen von einer pathologischen Angst vor dem Erbrechen betroffen.
Sie haben Angst vor dem Erbrechen – aber ist es schon eine Phobie?
Niemand findet es angenehm, sich zu erbrechen oder andere sich erbrechen zu sehen. Viele Menschen haben verschiedene Grade an Sorge oder Angst vor diesem unangenehmen Erlebnis. Wie können Sie aber feststellen, ob Ihr Unbehagen eine normale oder etwas stärkere Abwehrreaktion ist, oder bereits eine Phobie vor dem Erbrechen?
Generell liegt der Klassifizierung eines Empfindens und Verhaltens als Phobie die Frage zugrunde, ob Ihre Angst sich signifikant auf Ihr Leben, Ihre Arbeit oder Ihre Beziehungen auswirkt:
- Vermeiden Sie bestimmte Situationen hauptsächlich, weil Sie fürchten, sie könnten zu Erbrechen führen?
- Kreisen Ihre Gedanken häufig um das Thema?
- Ist das Risiko für Erbrechen zu minimieren ein signifikanter Faktor in Ihren Entscheidungen?
- Sorgen Sie sehr oft für den Fall von Übelkeit und Erbrechen vor und verhalten sich auf eine bestimmte Art und Weise, um es zu verhindern? Zum Beispiel, nehmen Sie standardmäßig Medikamente gegen Übelkeit mit sich, halten Ausschau nach Badezimmern wo immer Sie sind oder planen strategisch Unternehmungen, sodass Sie zu jeder Zeit die Kontrolle behalten?
Wichtig: Diese Faktoren sind Hinweise, kein diagnostisches Schema, das eine sichere Diagnose ermöglicht. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihre Sorge vor dem Erbrechen ungewöhnlich viel Raum in Ihrem Leben einnimmt, und/oder Sie sich davon belastet fühlen, sprechen mit Ihrem Arzt oder nehmen Sie ein psychotherapeutisches Erstgespräch in Anspruch, in dem Sie Ihre Situation beschreiben. Dort können Therapeuten Ihnen nach einem ausführlichen Gespräch eine Einschätzung und Empfehlungen zu Wegen aus der Belastung geben.
Woher kommt die Angst? Ursachen der Phobie
Die genauen Ursachen der Emetophobie sind nicht bekannt. Erste Symptome zeigen sich oft bereits im Kindesalter (um 10 Jahre) und viele Betroffene haben eine langjährige Geschichte mit der Phobie.
Genetische Ursachen können nicht ausgeschlossen werden. Es wird beobachtet, dass Menschen eher betroffen sind, wenn sie
- weiblich sind (ca 80%)
- generell zu Angststörungen neigen
- viel Stress erleben oder erlebt haben
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die negative Erfahrung mit dem Thema Erbrechen. Menschen, die eine traumatische Erfahrung mit einer Situation erlebt haben, in der Erbrechen eine Rolle spielt, haben ein höheres Risiko, eine Emetophobie zu entwickeln. Zum Beispiel ist ein Familienmitglied einmal schwer erkrankt und/oder an einer Krankheit gestorben, die Übelkeit oder Erbrechen als Symptome aufwies.
Symptome von Emetophobie
Alle Emetophobie Symptome sind auf eine große Angst vor dem Erbrechen zurückzuführen. Dies kann sich körperlich, psychisch und im Verhalten der Betroffenen äußern.
Ein Problem der Diagnose ist, dass die Symptome oft erst anderen Ursachen zugeschrieben werden. Betroffene erkennen die spezifische Angst oft nicht als Phobie, sondern fokussieren sich auf andere Dinge. Sie haben häufig das starke Gefühl, missverstanden zu werden, und leiden dadurch zusätzlich unter ihrer Angst.
Körperliche Symptome
Die häufigsten körperlichen Symptome sind Übelkeit (oft Dauerübelkeit), Schwindel, Herzklopfen, Zittern sowie andere typische Zeichen von Angst wie schwitzige Hände. Erbrechen kann als Steigerung der Übelkeit als Symptom hinzukommen.
Psychologische Symptome
Mental besteht bei Betroffenen ein Dauerstress durch die konstante Sorge zum Thema. Das Verhindern von Erbrechen ist ein Hyperfokus, der mit konstanter Angst und Sorge einhergeht. Betroffene befinden sich in einem dauerhaften Zustand der Vorsicht, was eine große Belastung im Alltag sein kann: Erbrechen ist in vielen Situationen alltäglich – denken Sie nur an Kinder/Kleinkinder oder auch Haustiere, die betreut werden müssen und bei denen enger Kontakt unerlässlich ist.
Zu der direkten Angst vor der eigenen Krankheit oder der Krankheit anderer kann eine Angst vor schlechten Reaktionen anderer hinzukommen. Die Angst vor dem Erbrechen selbst wird dann verstärkt durch Scham über die Vorstellung der Reaktionen anderer auf das eigene Erbrechen.
Verhalten
Die Angst vor dem Erbrechen ist, wie viele andere phobische Erkrankungen, auf eine Art eine Angst vor Kontrollverlust. Betroffene ändern ihr Verhalten, um das Gefühl von Kontrolle aufrechtzuerhalten. Zum Beispiel:
- übertriebene Hygiene oder obsessives Kontrollieren der Mindesthaltbarkeitsdaten von Nahrungsmitteln
- detaillierte Planung von Reisen und Unternehmungen unter dem Gesichtspunkt der Übelkeit
- Aufnahme von nur geringen Mengen Nahrung
Ein weiteres wichtiges Verhaltenssymptom ist die Vermeidung. Aus Angst meiden Betroffene Situationen, die sie als Risiko wahrnehmen – und verstärken so in einer Art Teufelskreis unbewusst ihre Angst, weil sie keine positiven Erfolgserlebnisse haben, in denen die Angst nicht Realität wird. Menschen mit Emetophobie vermeiden zum Beispiel Folgendes:
- Reisen oder Freizeitaktivitäten
- Essen im Restaurant, oder starke Einschränkung von Essen generell
- Events, bei denen Alkohol getrunken wird
- Schwangerschaft (vermieden oder beendet)
- Narkose trotz medizinischer Notwendigkeit
Sie haben Fragen zum Thema Emetophobie oder Psyche im Allgemeinen? Gesundheits-Experten und -Expertinnen aus Ihrer Region beraten Sie gerne. Hier gelangen Sie zur Expertensuche. |
Verwandte Angststörungen und Phobien
Wie viele Angststörungen kann Emetophobie gepaart mit depressiven Erkrankungen auftreten. Der Aspekt der Kontrolle kann sich ähnlich zu Zwangsstörungen darstellen. Das Einschränken des Essverhaltens kann als Essstörung falsch diagnostiziert werden oder auch tatsächlich zu einer Anorexie führen.
Emetophobie loswerden: Therapie und Übungen
Emetophobie Therapie
Angststörungen werden in der Regel im Rahmen einer Psychotherapie behandelt. Die häufigsten Therapiearten sind hier die Kognitive Verhaltenstherapie (cognitive behavioral therapy, CBT) und die Expositionstherapie.
Bei der Verhaltenstherapie geht es darum, schädliches Verhalten zu verstehen und mithilfe von konkreten Schritten und Übung durch effektivere Selbstfürsorge zu ersetzen. Verhalten schließt hier nicht nur äußerlich sichtbares Verhalten ein, sondern auch die Gedanken, die wir über ein Thema oder eine Situation haben.
In der Therapie wird zunächst das vorhandene Problem analysiert, verstanden und mit den entsprechenden Verhaltensmustern verbunden. Die Therapieziele bestehen dann aus konkreten Strategien zur Verhaltensänderung, die über die Zeit das Grundproblem erleichtern.
Die Expositionstherapie bedeutet natürlich nicht, dass Betroffene sich übergeben sollen. Es geht hierbei darum, angstbesetzte Situationen schrittweise begleitet durchleben zu lernen, um positive Lernerfahrungen zu schaffen: “Ich habe die Situation überstanden und meine Angst ist nicht eingetreten”.
Biofeedback
Eine häufige Beobachtung bei Emetophobie ist, dass Betroffene zu schnell und flach atmen. Dies kommt durch die körperliche Reaktion auf die Angst, kann aber wiederum Übelkeit verstärken.
Biofeedback funktioniert als Atemtraining – die Patient:innen beobachten Computermessungen ihres Puls und ihrer Atmung und werden sich so ihrer flachen, schnellen Atmung besser bewusst. Mit der objektiven, gleichzeitigen Rückmeldung kann eine tiefere Zwerchfellatmung erlernt werden, was Dauerübelkeit lindern kann.
Emetophobie Medikamente
Es gibt keine speziellen Medikamente gegen Emetophobie.
Betroffene nehmen oft Medikamente gegen Übelkeit ein und bekommen diese auch häufig verschrieben, wenn die Ursache ihrer Übelkeit unklar ist. Auf Dauer ist dies oft kontraproduktiv und verstärkt den gedanklichen Mechanismus, der zur Angst führt.
Zuweilen werden Medikamente zur Unterstützung verschrieben, die generell bei depressiven Erkrankungen und Angststörungen helfen. Zu nennen sind hier Antidepressiva, besonders SSRIs wie Fluoxetin oder Escitalopram.
Emetophobie Übungen und Ressourcen
Es gibt einige Maßnahmen, die das Stresslevel insgesamt senken können und bei leichteren Phobien die Intensität etwas mildern können. Dazu gehören Entspannungsübungen zum Beispiel aus der Meditation oder aus dem Yoga, Ablenkungsstrategien und generell das eigene Stresslevel zu reduzieren. Bewegung hilft einigen Betroffenen sowohl durch die Ablenkung als auch durch Kombinationsübungen wie Gehmeditationen. Achtsamkeitsübungen wie Bodyscans können die Verbindung Betroffener zu ihrem Körper verbessern und die Angst vor Kontrollverlust mindern.
Es gibt verschiedene Ressourcen, bei denen Betroffene sich austauschen und speziell auf die Emetophobie zugeschnittene Übungen ausprobieren können. Sich mit der Krankheit zu beschäftigen und sich eventuell mit anderen Betroffenen auszutauschen, kann Ihnen bewusst machen, dass Sie nicht alleine sind, dass Besserung möglich ist und andere sie bereits erfolgreich erreicht haben.
Liste von Online-Ressourcen zur Selbsthilfe:
- Selbsthilfetechniken bei Emetophobie
- Rat der EmetAction-Organisation (englisch)
- Selbsthilfebücher zu Emetophobie
- Angstbewältigung durch Achtsamkeit
- Tagebuchschreiben als Bewältigungsstrategie
- Training gegen Emetophobie im Alltag von der Get-Together Community, einer Organisation für Emetophobiker:innen und Interessierte
Lesen Sie hier mehr zu psychischen Problemen und Hilfe dazu.